Soldat von der Wende bis zur Einheit

Von der Nationalen Volksarmee in die Bundeswehr

 

Im Rahmen einer Veranstaltungsreihe zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit der Reservistenkameradschaft Immen-dingen 1963 e.V. am vergangenen Donnerstag im Landgasthof „Kreuz“. konnte der Vorsitzende, Hauptfeldwebel der Reserve Udo Tietz, Herrn Oberstleutnant Jörg Wehrhold vom Artilleriebataillon 295 als Referenten begrüßen. In einem sehr persönlichen Vortrag schilderte Wehrhold seinen Werdegang vom Offiziersschüler der Nationalen Volksarmee im sächsischen Zittau bis zum Chef einer 2S3 152 mm Panzerhaubitzbatterie des damaligen ArtRgt 11 in Wolfen, Sachsen-Anhalt und schließlich die Übernahme als Berufssoldat der Bundeswehr und Versetzung nach Immendingen im Jahr 1993.

Aus aktuellem Anlass informierte er jedoch vorab die Zuhörer über die Unterbringung von Flüchtlingen in der Oberfeldwebel-Schreiber-Kaserne auf dem Talmannsberg. Nachdem bereits einige Teile der Kaserne und des Standortübungsplatzes durch die Firma Daimler belegt sind fand sich kurzfristig eine Delegation des Innenministeriums von Baden-Württemberg in der Kaserne ein um Unterbringungsmöglichkeiten für Flüchtlinge zu prüfen. In zwei Gebäuden, welche bislang von der, bereits in Stetten am kalten Markt befindlichen Panzerpionierkompanie 550 sowie der Rekrutenkompanie 6 genutzt wurden und die im Nutzungskonzept der Firma Daimler zum Abriss vorgesehen sind, können derzeit bis zu 1.200 Flüchtlinge untergebracht werden. Die Anzahl wechselt ständig und die Steuerung liegt in Verantwortung des Landes Baden-Württemberg. Da die Firma Daimler das Gelände nach dem Abzug des Bataillons im März 2016 vollständig übernehmen wird kann davon ausgegangen werden dass die Unterbringung zu diesem Zeitraum auch wieder beendet sein dürfte.

Wehrhold betonte in seinen Eingangsworten dass er von persönlichen Erfahrungen berichte, die natürlich subjektiv geprägt seien und zeigte eingangs ein Bild, welches er vor kurzem bei einer Tagung des Inspekteurs Heer mit Kommandeuren  in Strausberg aufgenommen hatte. Es handelt sich um ein Wandbild im Foyer des Zentrums für Informationsarbeit der Bundeswehr. Dieses Gebäude wurde in den 80er Jahren erbaut und diente als Tagungszentrum der NVA und das Bild sollte den Stellenwert der Streitkräfte im politischen System unterstreichen. Heute hat man sich bewusst dazu entschlossen, dieses Wandbild zu erhalten; es soll zu Diskussionen anregen.

Als er im Jahr 1982 in die Armee eintrat hatte er gerade seine Ausbildung zum Werkzeugmacher beendet, es schloss sich eine fünfjährige Ausbildungszeit (ein Jahr Abitur, vier Jahre Studium) zum Offizier an. Er schilderte die Ausbildung als körperlich sehr herausfordernd, aber auch mit einem breitgefächerten Spektrum naturwissenschaftlicher, sowie pädagogischer und psychologischer Anteile. Als bereits verheirateter Vater von 2 Kindern kam er als Thüringer zwar nicht in den Genuss heimatnaher Verwendung, jedoch unmittelbar mit Versetzung in das ArtRgt 11 an eine preisgünstige Familienwohnung in Kasernennähe. Die Montagsdemonstrationen im nahegelegenen Leipzig verfolgten auch die Soldaten mit Spannung, ein Befehl zum bewaffneten Einsatz gegen die Demonstranten erhielt das Regiment nicht. Die Wendezeit war geprägt von einer großen Verunsicherung sowohl in der Bevölkerung, als auch bei den Soldaten. Manche trauten der neuen Zeit nicht und verließen die Streitkräfte, um in einer neuen Tätigkeit und an einem neuen Ort ihr Glück zu finden. Andere warteten die Entwicklung ab. Am Tag der Wiedervereinigung trug er nach einem kurzen Appell die neue Uniform und wurde auf seinen Antrag am 01. März 1991 als Soldat auf Zeit auf 2 Jahre befristet in die Bundeswehr übernommen. Die Entscheidung fiel manchen Soldaten eher schwer, zumal einige Offiziere und Unteroffiziere aus dem Westen vieles schlecht machten. Erst mit der Zeit sorgte das positive Beispiel einiger der entsandten Soldaten für eine Annäherung. Ein Wehrmutstropfen war zu jener Zeit noch die Besoldung, welche nur 60 % des Westgehalts betrug. Um eine Chance auf längerfristige Übernahme zu haben, mussten die Soldaten Ergänzungslehrgänge durchlaufen und wer politisch unbelastet war konnte durchaus damit rechnen, als Zeit- oder auch als Berufssoldat in die Bundeswehr übernommen zu werden. Wehrhold setzte alles auf eine Karte und hatte nach kurzer Zeit in Sachsen-Anhalt die Zusage der Übernahme in den Status eines Berufssoldaten und damit einhergehend die Versetzung nach Immendingen als Batteriechef der 2. Batterie des damaligen FArtBtl 295.

Hier hat er eine stets offene Aufnahme erfahren und ist nach über 2 Jahrzehnten in der Region mit der Familie heimisch geworden. In dieser Zeit hat er nicht nur artilleristisch, sondern auch in den Bereichen Reservistenarbeit und Ausbildung im Ländle zwischen Offenburg, Karlsruhe , im KdoOpfüEingrKr in Ulm und in der G 3 Abteilung der 10. PzDiv in Sigmaringen seinen Dienst geleistet. Mit der Auflösung des Divisionsstabes kehrte er im Sommer 2014 in das ArtBtl 295 zurück, in dem er einst schon einmal 11 Jahre lang in der Deutsch-Französischen Brigade gedient hatte.

Als besonderer Farbtupfer in seinem Vortrag erwies sich die Anwesenheit seiner Ehefrau die aus dieser Zeit berichtete und unter anderem auch mit dem Gerücht einer vermeintlichen Privilegierung von jungen Offiziersfamilien aufräumen konnte. Natürlich standen beide erst am Anfang einer Karriere, deren Verlauf weder damals noch heute abzuschätzen war. Die dienstliche Belastung und die Familie bestimmten den Alltag.

Oberstleutnant Wehrhold blieb den Anwesenden in einem anschließenden Gespräch keine offenen Fragen schuldig. Große Unterschiede in beiden Systemen sind unter anderem die Handhabung und Anwendung einfacher Disziplinarmaßnahmen. Hier war eine umfangreiche Ausbildung der damaligen NVA Offiziere nötig. Eine nach Normen und somit konkret abrechenbare ausgerichtete Ausbildung wie in der NVA ist der Bundeswehr ebenfalls fremd. Die dienstliche und zeitliche Belastung war im Vergleich zur Bundeswehr ebenfalls erheblich höher und eine Multinationalität wie sie die Bundeswehr auch schon vor den Wende kannte wurde im Warschauer Pakt, außer bei Großmanövern, und auch das im beschaulichen Rahmen kaum gepflegt. Ein Miteinander war stets auf die höhere Ebene oder auf ausgewählte Anlässe beschränkt. Auffällig war auch die Altersstruktur der Soldaten, in der NVA standen junge Offiziere und Unteroffiziere stets lebensälteren Wehrpflichtigen, oft schon verheiratet und mit Familien gegenüber.

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